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It´s A Pressure To Meet You

Odd Couple sind ein Berliner Duo mit Gitarren, Drums und Händen. Zusammen spielen sie dringlichen, schweißnassen Rock ’N’ Roll, bei dem es egal ist, wer gerade welches Instrument bedient. Es geht um den Moment, darum, mit begrenzten Mitteln einen Raum zum kochen zu bringen. Ohne Umschweife, mit Instrumenten und Körpern. Eine weitere Neuauflage der Black-Keys-Formel also? Mitnichten!

Doch beginnen wir von vorne: Jascha Kreft und Tammo Dehn kennen sich seit dem Kindergarten. Beinahe genauso lange spielen sie Musik. Mal gemeinsam, mal in unterschiedlichen Bands, aber doch immer irgendwie zusammen. Es folgt die typische Geschichte um 2010: Die Provinz wird schnell zu klein, die Großstadt verspricht ein Hafen für anders denkende Kids zu sein. Beide ziehen nach Berlin, wo sie gemeinsam in einer Wohnung im Prenzlauer Berg unterkommen. Sie treffen die Leute, die sie treffen wollten: Künstler, Musiker, Szenenleute, Nachtmenschen. Jeden Abend finden sich Leute in der Wohnung ein, die nach ihrem Ritt durch das unbegrenzte Berliner Nachtleben noch nicht nach Hause möchten.

Etwas läuft jedoch anders, als Kreft und Dehn sich das neue Leben in der Großstadt vorgestellt hatten. Das wilde Leben macht ihnen keinen Spaß. Hinter der spannenden Fassade liegt eine gewisse Leere, das von außen betrachtet Coole ist nur Platzhalter für eine andere Form von Konformität, die man schon in der Provinz hasste, interessante Gespräche weichen der Erkenntnis, dass das Gegenüber gerade nicht zuhört, sondern darauf wartet, selbst wieder etwas sagen zu können – angenehm, „It’s A Pressure To Meet You“.
Aus dem Traum von persönlicher Freiheit wird „Gleiches Ambiente“, und der so betitelte Song der Goldenen Zitronen zum Kronzeugen des neuen Projekts der beiden Jungs Anfang Zwanzig: Sich über Selbstdarsteller und das eigene Ego amüsieren, sich zu Abwechslung einmal selbst nicht so ernst zu nehmen, kein Künstler sein. Mit einem Sound, der direkt in die Knochen geht. Passend zum Gefühl, zwei Außenseiter in der Stadt zu sein Gründen sie eine Band namens Odd Couple.

Ihre Debütplatte „It’s A Pressure To Meet You“ ist folgerichtig eine Berlinplatte geworden. Allerdings eine, die Berlin weder verehrt noch ablehnt. Die Stadt ist schlicht der Hintergrund für zwölf Situationen, die die Band auf dem Album beschreibt. Mit fotografischer Genauigkeit friert „It’s A Pressure To Meet You“ bestimmte Momente aus dem Alltag zweier Zugezogener ein und wird somit auf ganzer Länge zu einer Art Symptomkatalog für diese Existenzform. Da ist der schweifende Blick über eine wahllose Afterhour, der Druck zur aufgesetzten Andersartigkeit, die in Drogen versinkenden Freunde und das Gefühl, einfach nicht mitmachen zu wollen. Erzählt wird stets im Präsens, es handelt sich schließlich um alltägliche Begebenheiten ohne Haltbarkeitsdatum.

Dass die Inhalte dabei nur schwerlich zur Musik passen, ist Teil des Konzepts. Odd Couple klingen nicht wie ein typisches Duo, sondern als hätten sich eine Hand voll obskurer Garagenbands der Sechziger in Kraftwerks „Studio N“ verirrt und mit allem gejammt, was die damalige Technik hergab. Die Band nutzt den Nullpunkt des Garage als Basislager, um von dort aus in neue Sphären vorzudringen. Überkommene Posen werden auf dem Weg aufgenommen, zerbrochen und zu einem Amalgam zusammengesetzt, das den Begriff Post-Rock endlich im Kern trifft: man rockt nach bewährtem Muster die Kacke und macht sich gerade damit über die Dogmen einer ganzen Szene lustig. Sich selbst natürlich eingeschlossen. Oder wie es in Shake heißt: „Everyday I could kick / A thousand people in their faces / - Shake!“ Ja, tanzt!